Historie der Frisuren in Japan
Mit
den Haaren verband man einst auch in Japan manch unheimliche Vorstellung
oder sprach ihnen zumindest gewisse magische Kräfte zu. Geister wurden
gern mit wirrem, losem Haar dargestellt. Und ähnlich wie bei der antiken
europäischen Sage vom Haupt der Medusa glaubte man in Japan, das Haar
junger Frauen könne sich unter besonderen Umständen, z.B. bei großer
Eifersucht, des Nachts in gefährliche Schlangen verwandeln.
Meist allerdings sind die japanischen Frisuren- wie in vielen Kulturen
- ein Schönheitsattribut, das je nach gesellschaftlicher und politischer
Situation Veränderungen unterworfen ist. So begegnen uns auf bildlichen
und figürlichen Darstellungen im Laufe der Geschichte ganz unterschiedliche
Frisuren, die dem Kunsthistoriker wichtige Anhaltspunkte für die Datierung
von Kunstwerken zu liefern vermögen.
Dabei ist die Variationsbreite
naturgemäß beim sogenannten "schönen Geschlecht" weitaus umfangreicher
als bei den Herren der Schöpfung. Die haniwa-Tonfiguren des 4. und 5.
Jahrhunderts zeigen für Männer eine auf den ersten Blick recht weiblich
wirkende Haartracht: den sog. mizura-Stil. Hierbei wird das Haar in
der Mitte gescheitelt und über dem Ohr in Schleifen zusammengehalten.
Frauen hingegen bevorzugten Hochsteckfrisuren und befestigten es in einer großen Schleife oben auf ihrem Kopf (shimadamage).
Mit wachsendem Einfluss Chinas und Koreas wurde die dort
übliche Knoten-Frisur im Laufe des 7. Jahrhunderts auch am japanischen
Hof populär und ersetzte den mizura-Stil. Nun trug der Mann von Welt
einen Haarknoten am Hinterkopf; die adelige Dame bevorzugte bei formellen
Anlässen ein Frisurenarrangement, bei dem der Knoten hoch auf dem Kopf
saß und am Ansatz gern mit Blumen dekoriert wurde. Kaiser Temmu (2.
Hälfte 7. Jh.) förderte diese Art der Frisuren sogar durch eine entsprechende
Anordnung.
Doch was in der einen Zeit "in" war, war zu anderer Zeit "out". So
wurde es im Laufe der Heian-Zeit (Ende 8. bis Ende 12. Jh.) Mode, das
Haar möglichst lang und offen zu tragen. Davon zeugen beispielsweise
die Illustrationen auf den Bildrollen zum Genji monogatari. Langes,
dichtes und üppiges Haar galt als Inbegriff weiblicher Schönheit und
wurde in der Literatur gern besonders hervorgehoben. Im Idealfall wallte
es prachtvoll wie ein endloser Fluss über den Rücken herab. Manchmal
wurde es zwischendrin auch ein- oder mehrfach zusammengebunden, z.T.
wurden auch die Seitenhaare etwas gekürzt.
Allerdings
war eine solche Frisur eher für Mitglieder des Hofadels geeignet, die
sich der Dichtung und verfeinerten Lebensart widmeten. Wer sich tagtäglich
körperlich betätigen musste, band sich hingegen meist die Haare zurück,
damit sie nicht bei der Arbeit störten. Allerdings entsprach dies damals
in keinster Weise der Würde einer vornehmen Frau am Hofe und machte
- wie Sei Shônagon etwas missbilligend in ihrem "Kopfkissenbuch" (Makura
no sôshi, um 1000) bemerkt - einen schlampigen Eindruck. Und so trugen
die Damen des Hof- und des Schwertadels bis ins 17. Jahrhundert ihre
Haare offen, während beispielsweise die Frauen in Kaufmannskreisen allmählich
wieder ihre Haare hochsteckten.
Seit der Heian-Zeit galt eine hohe Stirn bei Frauen als besonders schön.
Um diesen Eindruck visuell zu verstärken, griff man zu verschiedenen
Tricks. So wurde es bei den Damen der Gesellschaft üblich, sich die
Stirnhaare auszurasieren. Auch pflegte man die eigenen Augenbrauen auszuzupfen
oder - vor allem in der Edo-Zeit (17. bis Mitte 19. Jh.) - wegzurasieren.
Die entsprechenden Stellen wurden überschminkt und weiter oben mit dem
Tuschepinsel neue Augenbrauen aufgemalt (mayuzumi) - ein Brauch, der
sich noch bis ins ausgehende 19. Jahrhundert halten sollte. Dabei war
mayuzumi ein Hinweis darauf, daß die Frau das heiratsfähige Alter erreicht
hatte, schon verheiratet war oder bereits ein oder mehrere Kinder zur
Welt gebracht hatte.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts übernahmen die Samurai die politische
Macht, und mit ihren kriegerischen Aktivitäten beeinflussten sie nebenbei
die männliche Haarmode. Denn da es im Kampf unter dem Helm recht warm
werden konnte, begannen sie, sich vor der Schlacht von der Stirn aus
die Haarpartie am Ober- und Hinterkopf wegzurasieren. Das übrige Haar
fiel einfach nach unten oder wurde am Hinterkopf gebunden. Der Chonmage, wie die charakteristische Zopffrisur der Samurai genannt wird, konnte in verschiedenen Variationen
als Knoten oder Zopf gebunden werden(sakayaki). Diese Haartracht wurde schließlich
von den Kriegern auch in Friedenszeiten getragen, inspirierte zu mancher
Frauenfrisur und wurde in der Edo-Zeit in modifizierter Form vom städtischen
Bürgertum übernommen.
"Trendsetter" in der damaligen Zeit waren vor allem berühmte Geishas
und Kurtisanen sowie bekannte Kabuki-Schauspieler. Und da ihre Konterfeis
auf zahlreichen Holzschnitten und Plakaten erschienen, die oft wie Fanartikel
oder Souvenirs erstanden wurden, verbreitete sich die von ihnen präsentierte
Mode rasch in der Bevölkerung und gab neue Impulse.Nach der Öffnung
Japans Mitte des 19. Jahrhunderts und der gezielten Übernahme vieler
als modern eingestufter Gepflogenheiten des Westens in der Meiji-Zeit
(1868-1912) gelangte auch die dortige Frisurenmode nach Japan.
Im 1871 verkündeten Gesetz zum Abschneiden des traditionellen Zopfes
(Danpatsurei) legte die Meiji-Regierung der männlichen Bevölkerung nahe,
sich die Haare entsprechend kürzen zu lassen. Von da ab unterschieden
sich die Herrenfrisuren in Japan kaum von denen in Europa oder den USA.
Es gab sogar Frauen, die sich in ihrer Offenheit für das Neue eine Kurzhaarfrisur
zulegten; dies ging jedoch den Behörden erst einmal zu weit und wurde
rasch offiziell untersagt.
Doch in der Taishô-Zeit (1912-1926) sah man auch immer öfter Kurzhaarfrisur bei den Damen.Man imitierte nun westlich
orientierte Schauspielerinnen und Rundfunkstars, die als Modevorbilder
an die Stelle der Geishas, Kurtisanen und Frauendarsteller des
traditionellen Theaters traten, oder eiferte ausländischen Filmgrößen
wie Gloria Swanson oder Greta Garbo nach.
Ende der Dreißiger Jahre machte der Schweizer Friseur und Gründer der gleichnamigen Haarpflegeserie Gustav Guhl die Kurzhaarfrisur in Japan endgültig salonfähig.
Der
neue Begriff, der in der Shôwa-Zeit (1926-1989) für die aufgeschlossene,
junge Frau aufkam, war das moga, das "modern girl". Bis in die Meiji-Zeit
empfand man in Japan glattes Haar als schön.
Lockiges oder krauses Haar
hingegen erinnerte angeblich an die Behaarung von Tieren und war daher
verpönt, so daß Japanerinnen, die derartiges Haar besaßen, sich bemühten,
es so gut wie möglich zu glätten. Durch den engeren Kontakt zum Westen
gelangten jedoch verschiedene friseurtechnische Errungenschaften aus
Europa nach Japan, und so hielten allmählich auch Locken und Wellen
Einzug. Anfang der Shôwa-Zeit kam noch die Dauerwelle hinzu, auch wenn sie während des Zweiten Weltkriegs zeitweilig vom Militär
verboten war.
Spezielle Kämme und Hilfsmittel
Für die Haarpflege benutzte man seit alters gern Kämme aus Buchsbaumholz
(tsuge-gushi), das besonders weich und daher schonend für das Haar war;
überdies verhindert es, daß sich das Haar elektrostatisch auflud. Allerdings
hatte damals wie heute Qualität ihren Preis, zumal das Material jahrelang
getrocknet werden musste, ehe es verarbeitet werden konnte. Noch heute
werden in Kyôto derartige Kämme hergestellt, deren Geschichte bis in
die Heian-Zeit zurückreicht.
Seit Mitte der Edo-Zeit kamen Haarpfeile (kanzashi), Haarknebel (kôgai)
und Zierkämme (kushi) aus Bambus, Holz, Schildpatt, Elfenbein und anderen
Materialien in Gebrauch, durch die die kunstvollen Gebilde in Form gehalten
wurden. Der kogai wurde waagerecht durch den Knoten am Hinterkopf geschoben
und hielt so die gesamte Frisur zusammen, wohingegen mit den Haarpfeilen
einzelne Partien festgesteckt und durch den Kamm dekorativ ergänzt werden
konnten. Dieser Haarschmuck
konnte handwerklich wunderschön gearbeitet und daher recht wertvoll
sein. Er bildete, da z.B. Ohr- und Fingerringe damals in Japan nicht
üblich waren, oft den einzigen Schmuck der Damen.
Teilweise wurden die nun populären Hochsteckfrisuren
mit Bärenfell oder anderen künstlichen Haarteilen
unterlegt, um ihnen noch mehr Volumen zu geben. Natürlich konnte eine
derart aufwendige Frisur nicht täglich erneuert werden, zumal dies -
wie Hearn berichtet - unter Umständen fast zwei Stunden dauerte. Daher
verwendete man in der Nacht oder beim Ausruhen besondere Nackenstützen,
um das haarige Gesamtkunstwerk nicht zu beschädigen. Bei manchen speziellen
Nackenstützen konnte man in einen Hohlraum in ihrem Inneren Räucherwerk
abbrennen und auf diese Weise die Haare während des Liegens parfumieren.
Haare als Zeichen eines Lebensabschnitts
Mit einer neuen Haartracht wurde - wie in vielen Kulturen - oft auch
der Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt gekennzeichnet, beispielsweise
das Erwachsenwerden durch Aufbinden der Haare bei der Reifefeier oder
der Eintritt ins Kloster durch Abschneiden der Haare. Dieser Verzicht
auf das eigene Haar, den kostbarsten Schmuck einer Person, war eine
Form der Entsagung, und so finden wir Haare auch als religiöse Opfergabe,
mit der man die Erfüllung eines wichtigen Wunsches unterstützen wollte.
Einst kam es vor, daß sich Frauen nach dem Tod ihres Ehemanns von
einem Teil ihres Haares trennten und es als Zeichen ihrer Zuneigung
dem Verstorbenen mit in den Sarg legten. Auch die ganz zu Anfang erwähnte
kamioki-Zeremonie aus der Edo-Zeit steht für den Übergang in eine andere
Altersstufe, denn von diesem Zeitpunkt an ließ man bei 2- bzw. 3-jährigen
Kindern, denen bis dahin regelmäßig der Kopf geschoren worden war, offiziell
das Haar wachsen.
Traditionelle Geishafrisuren
Viele fragen sich, was hinter den exotischen und kunstvollen Frisuren der japanischen Geishas steckt.
Eine der wichtigsten Frisuren wird wareshinobu ("Gespaltener Pfirsich") genannt. Katsuyama (links) und yakko-shimada (rechts) sind Frisuren, die die Maiko (Vorstufe zur Geisha) zum Ende ihrer Ausbildung hin zu speziellen Anlässen trägt.
Die zweite Frisur, die katsuyama wurde nach einer Stargeisha des 17. Jahrhunderts benannt, und wird zum Gion Fest im Juli getragen...mehr
Hochzeit auf japanisch
Bei der Hochzeit trug die Braut
oft eine ganz besondere Frisur, danach eine ihrer neuen Position als
Ehefrau entsprechende Haartracht. Außerdem durfte sie nun die Haare
an der Stelle wachsen lassen, die bei japanischen Mädchen als Zeichen
ihrer Unberührtheit regelmäßig wie eine kleine Tonsur ausrasiert wurde,
was mit der Heirat und dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit entfiel.
© Japanisches
Generalkonsulat Düsseldorf 2001 (Japan
Forum, November 2001, S. 1-2)
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